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Was ist Glück? 3/4: Steil stoischer Stil

Heute soll es um die Stoa gehen. Da fragt man sich natürlich gleich: Können Stoiker Musik genießen? Schließlich weiss man ja, dass sie ein ambivalentes Verhältnis zu Gefühlen und Leidenschaften hatten. Stoiker bilden sich nämlich ein, ein Leben ohne Leidenschaften leben zu können. Ganz wie eine Statue, nur mit Bewegung. Verrückt, oder? Machen nicht die Leidenschaften erst das Leben lebenswert?

– Nun ja. –

Auch ich würde die Güte von Leidenschaften behaupten und doch eine Einschränkung vornehmen: Erinnern Sie sich an folgende Situation? Sie haben eine möglicherweise frische Liebe gefunden, die sich aber verdammt lange Zeit lässt, auf Ihre Nachricht zu antworten. Die Spannung und das Verlangen verleiten Sie dazu, nicht mehr ihren Blogeintrag fertig zu schreiben, sondern zum Telefon zu greifen und eine Nachricht in beleidigtem Ton zu versenden. Nicht nur dass die Ungewissheit nach wie vor bestehen bleibt, nein. Sie haben es auch geschafft, einen schlechten Eindruck als knatschige Person, die nicht abwarten kann, in 160 Zeilen zu packen. Auch verrückt, oder? Deshalb raten Stoiker davon ab, in solchen Situationen Nachrichten wegen einer starken Aufwallung von Leidenschaften zu verfassen. Grundsätzlich gilt für sie und Sie generell, dass Lust (ἡδονή), Unlust (λύπη), Begierde (ἐπιθυμία) und Furcht (φόβος) nur dazu da sind, uns den Blick auf die Welt, wie sie ist, zu verstellen. Unter diese vier können übrigens alle anderen Leidenschaften gestellt werden. Aber wenn Sie schon unbedingt etwas fühlen möchten, dann bitteschön die guten Leidenschaften. Ja! Das ist nämlich der Punkt, den die meisten vergessen: Die guten Leidenschaften spielen eine zentrale Rolle in der stoischen Ethik. Freude (χαρά), Achtsamkeit (εὐλάβεια) und vernünftiges Streben (βούλησις) sind derartige Dinge, die nicht als negativ zu bezeichnen sind. Diese erreichen Sie, wenn Sie tugendhaft werden und erst wenn Sie tugendhaft werden, sind Sie nämlich auch glücklich! Glauben Sie mir. Und nur so können Sie nicht nur glücklich, sondern obendrein auch zu Weltbürgern werden! Jackpot! – Ok, ok, gehen wir einen Schritt zurück. Glückseligkeit, Weltbürgertum, gute Gefühle? Wie hängt das zusammen?

Die Stoiker haben ein paar Grundannahmen aus ihrer Theorie der Natur in die Ethik transportiert. Sie gehen davon aus, dass die Welt determiniert ist. Das heisst, das, was passiert, passiert mit Notwendigkeit so, wie es passiert. Man kann eigentlich nichts dagegen machen. Man kann dem lediglich zustimmen oder nicht zustimmen. Das Schicksal bleibt unabänderlich. Stimmen Sie nicht zu, machen Sie sich selbst unzufrieden, weil Sie etwas wollen, das Sie nicht haben können. Als Nächstes sagen Sie, die Welt sei in ihrer Ganzheit (Gänze?) perfekt eingerichtet. Das, was uns schlecht vorkommt (weil wir eben noch diese fiesen schlechten Leidenschaften haben, die uns den sauberen Blick auf das große Ganze verbauen), wie eine Erkältung, oder leider auch Krieg, seien im kosmischen Maßstab quasi irrelevant. Das große Ganze funktioniere so, wie es soll. Und drittens, der Kosmos sei in seiner Gesamtheit vernünftig eingerichtet. Für die Stoa war die Vernunft und Güte des Kosmos gleichzusetzen mit ihrer Göttlichkeit.

Und die äußeren Güter? Naja, alles andere wie Reichtum, Gesundheit, Ansehen ist mit dem Schicksal bereits unabänderlich vorherbestimmt. Die Welt ist schließlich determiniert. Schön wenn Sie reich werden, auch schön, wenn nicht. Wenn Sie das als weiser Mensch eingesehen haben, werden Sie bemerken, dass Glückseligkeit absolut nichts mit äußeren Gütern zu tun hat. Das einzige, worauf es ankommt, ist durch die Reinigung von Gefühlen und Leidenschaften, eine klare Sicht auf den Lauf der Welt zu bekommen und dabei diese Seelenruhe und Heiterkeit als feste Charakterhaltung zu erlangen, die Sprichwörtlich geworden ist. Egal was passiert, egal was ist, spielen Sie einfach die Rolle, die Ihnen vom Schicksal zugeteilt worden ist gut, stimmen Sie ihr zu und wollen Sie sie. Schließlich kann man es ja nicht ändern. Jetzt hätten Sie den Stoikern gemäß alles richtig gemacht.

Leider gab es nur zwei Menschen in der Geschichte, die es wirklich geschafft haben, tugenhaft zu werden: Sokrates und Rasmus von Turin.

Aber wenn Sie mehr darüber erfahren möchten: Long, Anthony A. (Hg.) (2006): Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Sonderausg. Stuttgart, Weimar: Metzler.

Was ist Glück? 2/4: Aristoteles’ artgerechte Haltung

Die ARD bewarb ihre Themenwoche “Glück” unter anderem mit dem Bild eines Jungen, der im Gras liegt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt hat und lächelt. Für das kreative Fotografen-Team, das hinter diesem Bild steckt, manifestiert sich Glück im Kindesalter eben genau so: Sorgenfreiheit, Muße und etwas Sonne reichen dann wohl aus, um von einem guten Leben sprechen zu können. Schade, dass Sie dann nichts mehr von einer Gurke unterscheidet. Denn die macht auch nichts anderes, als herumzuliegen und Sonne zu tanken. Dieses Glücksverständnis hat Aristoteles befremdlich gefunden und sich die Sache einmal genauer angeschaut.

Sehen Sie, im Gegensatz zu einer Gurke haben Sie als Mensch nämlich die Möglichkeit, in vielen verschiedenen Varianten aktiv zu sein: Sie können Yoga machen, kochen, einen Bantudialekt lernen oder Primzahlen sortieren. Wenn wir das mit Aristoteles auf den Punkt bringen wollen, ist das, was Sie von anderen Lebewesen wie beispielsweise Pflanzen grundsätzlichen unterscheidet, dass Sie sich bewegen können. Was Sie von Tieren unterscheidet, ist hingegen, dass Sie ihren Kopf benutzen können. Damit sind die Grundvoraussetzungen dessen, was Sie im Leben machen und erreichen können, grundverschieden von denen der Gurke oder eines beliebigen Emus. Und genau das müssen Sie laut Aristoteles bedenken, wenn Sie die objektiven Kriterien eines glücklichen Lebens entdecken wollen.

Sie sind also mit Anlagen ausgestattet, die Ihrer Art eigen sind. Das sieht Aristoteles ganz nüchtern biologisch. Diese Anlagen zu haben, reicht aber noch lange nicht aus. Sie müssen etwas mit ihnen anfangen und das, was Sie können, sollten Sie besonders kultivieren und bestmöglich ausprägen. Aristoteles unterscheidet dafür zwei Kategorien von menschlichen Aktivitäten: Die erste umfasst alles Geistige: Verstehen, Hinterfragen, Planen, Wissen und solche Dinge werden von ihm natürlich dem Denken (auf Griechisch: διάνοια – Denken) zugerechnet. Die zweite Kategorie umfasst Ihren Charakter und Ihre Gewohnheiten. Beides müssen Sie so gut es geht und stetig besser werden lassen, damit Sie den besten Status erreichen können, der Ihnen möglich ist. Keine Lust gibt´s dabei nicht, denn Sie würden sich dadurch nur in das eigene Fleisch schneiden. Sie verlieren nämlich in jedem Moment, den Sie nicht für das eine oder das andere verwenden, die Möglichkeit auf ein wirklich gutes und befriedigendes Leben. Sie müssen eben einsehen, dass es auch für den Menschen ein artgerechtes Leben gibt und nur dadurch können Sie glücklich werden. Also die Benutzung und Vervollkommnung dieser zwei Talente: Denken und Charakter sind das A und O unseres Lebens. Das klingt eigentlich ganz schön. Aber gibt es nicht noch mehr? Doch, denn dazu kommen auch noch einige andere Dinge, die aber nicht ebenso direkt von uns abhängig sind, sondern auch mit Zufall zu tun haben: Freundschaften und Familie, die gemäß unseres Wesens als Menschen ebenfalls eine absolut zentrale Rolle in unserem Leben spielen müssen, brauchen wir ebenso dringend für ein glückliches Leben. Hier ein schönes Zitat aus der Nikomachischen Ethik:

“Ohne Freunde möchte niemand leben, auch wenn er alle übrigen Güter besäße.” (1155a5)

Wenn wir all das haben und erreichen, dann können wir uns glücklich schätzen: Also einen vollkommenen Status erreichen, hinter dem es nichts besseres mehr gibt, das wir erstreben wollen können. Welche Handlungsanleitungen Aristoteles uns genau gibt, werden wir uns anschauen, wenn wir über diesen altbackenen Begriff der Tugenden sprechen werden. Bis dahin muss die aristotelische Definition von Glück als Verstandes- und Charaktervervollkommnung mit Freundschaften und Familie alleine dem Glücksverständnis von Urlaubswerbung und der ARD-Themewoche standhalten.

Sie sehen, Aristoteles redet anders als Platon und wirkt vielleicht lebensnaher. Wenn Sie mehr über artgerechte Haltung erfahren wollen und keine Lust mehr auf Gurken haben, werfen Sie doch einfach einmal direkt einen Blick in die Quelle. z.B.: Aristoteles (2010): Nikomachische Ethik. Übersetzt von Franz Dirlmeier. Bibliogr. erg. Ausg., [Nachdr.]. Stuttgart: Reclam (Universal-Bibliothek, Nr. 8586).

Was ist Glück? 1/4: Platin von Platon

Wenn ich Sie frage, was für Sie Glück ist, was würden Sie dann antworten? Sich den Pulli um die Schultern binden, in St. Tropez flanieren und wenn die Hermès Tasche zu schwer wird, sie einfach kurz auf die Yacht legen? Fünfzig Euro an der Kaffeetheke für Kleingeld halten und dabei über die Schulter lachen? Für David Guetta auch mal ein wenig Grand Cuvée über die Tanzfläche schütten? Oder würden Sie antworten, Glück ist es, im Lotto zu gewinnen, den King of Pop einmal live erlebt zu haben oder einen Tag Privatfernsehen überlebt zu haben? Oder vielleicht ist Glück für Sie auch einfach zufrieden zu sein? Jedenfalls scheint Glück ja irgendwie viele Facetten zu haben und sich von Mensch zu Mensch zu unterscheiden. Aber Talente und persönliche Präferenzen könnten dabei tonangebend sein.

Bevor ich Sie aber mit dem Fundus platonischer Ansichten konfrontiere, muss ich Ihnen eine Klarstellung liefern: Glück hat im Deutschen zwei Bedeutungen: Den glücklichen Zufall einerseits und andererseits einen positiven emotionalen Zustand. – Im Griechischen behandeln die Philosophen nicht dieses „Glück“ sondern sie suchen die „Eudaimonia“, was häufig mit Glückseligkeit übersetzt wird, aber in meinen Ohren irgendwie verklärt klingt – „Glückseligkeit“. Was sie damals interessierte, war niemals der Zufall, und auch nicht der emotionale Status des Menschen, sondern eben etwas anderes, umfassenderes, das objektive „glückselige Leben“ in seiner Gesamtheit. Zufallsglück ist uninteressant, da es nicht von uns beeinflusst werden kann. Es ist einfach Zufall, ob wir Klaus Kleber treffen oder nicht (in Philosophensprache heißt das „es ist kontingent“). Und außerdem kann es schlecht sein, ihn zu treffen, wie es auch schlecht sein könnte, eine Million Euro im Lotto zu gewinnen: Neid, Dekadenz und daraus folgende Inkompetenz etc. sind ja mögliche Folgen. Vielleicht hat also ein solcher glücklicher Zufall eine schlechte Konsequenz. Glück wäre in diesem Fall schlecht, was ein offensichtlicher Widerspruch wäre: „Hey, Glück gehabt, du hast dir nicht nur das Bein, sondern auch den Arm gebrochen.“ Zufallsglück interessiert uns also nicht. Aber auch der emotionale Status ist für uns zweitrangig, da es ja auch Menschen gibt, die bei schlechten Taten einen positiven emotionalen Status haben. So jemanden glücklich zu nennen, ist ebenso falsch: „Der Karlheiz, der ist so ein glückliches Kind, wenn er zündelt.“ Nein: Uns interessiert viel mehr, was objektive Kriterien eines glücklichen Lebens sind und darauf hat uns Platon einige Antworten geliefert.

Für Platon ist die Gerechtigkeit das zentrale Moment eines glücklichen Lebens. Gerecht zu sein, ist eine Eigenschaft Ihrer drei Seelenteile, die sich aus der perfekten Funktion jedes einzelnen ergibt, und die wir uns anerziehen können, wenn wir die Ordnung der Ideen einsehen, um harmonisch zu sein. Die Ideen sind die unwandelbaren perfekten Vorbilder für die sinnliche Welt, die wir sinnlich wahrnehmen und fühlen. Vielleicht erinnern Sie sich an das Beispiel mit dem Kreis? Wenn wir einen Kreis zeichnen, wissen wird, was wir tun müssten, um ihn perfekter zu zeichnen, weil die Idee des Kreises uns immer Vorbild dafür ist. Das Bild, das wir zeichnen, richtet sich nach einer Idee, die perfekter ist, als dieses Bild. Dasselbe Spiel wird mit allen Dingen gespielt, die es in der Welt gibt. Aber warum werden wir durch die Einsicht dieser Ideen gerecht? – Dafür wird ein zweiter Punkt wichtig, nämlich der des Strebens nach etwas: Wir wollen Gesundheit, Ansehen, Klugheit? Und wir wären glücklich, wenn wir diese Güter erlangen würden? Klar, aber wenn wir einerseits wissen, dass jedes dieser Güter als Idee vollkommener ist, warum sollen wir dann nicht gleich die Idee dieser Güter anstreben, insofern es sie gibt? – Und noch ein Schritt ist notwendig: Alle drei Beispiel-Güter haben nämlich einen gemeinsamen Kern, denn alle beinhalten eben „das Gute“, das sie ausmacht und verbindet. Wären Gesundheit, Ansehen und Klugheit nicht „gut“, dann wollten wir sie ja überhaupt nicht. Platon sagt also: Leute, konzentriert euch auf das Wesentliche und zwar auf das, was allen Gütern gemeinsam ist, was alle überhaupt als Güter klassifiziert: nämlich die Idee des Guten. – Der finale Schritt der Argumentation sagt nun, dass man nichts mehr hinter diesem Guten finden kann, das irgendwie all den Dingen zukommt, die wir als Güter klassifizieren. Es gibt nichts Allgemeineres, das noch erstrebenswerter ist als die Idee des Guten. Wenn wir die Idee des Guten eingesehen haben, dann kommt unser Streben an ein Ende, das vollkommener ist, als wenn wir beispielsweise das Gut „Ansehen“ erreicht haben.

Wenn es Sie interessiert, mehr darüber zu erfahren, nehmen Sie doch einmal das Buch zur Hand, das ich für diese Darstellung benutzt habe: Horn, Christoph (1998): Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern. München.

Auf einen Espresso mit Machiavelli

Phi: Herr Machiavelli, für die einen sind Sie der Begründer der politischen Schule des Realismus. Für die anderen sind Sie ein kaltblütiger Machtpolitiker. Wie sehen Sie sich selbst?

Machiavelli: Ich werde tatsächlich zusammen mit Thukydides für den Begründer des politischen Realismus gehalten. Ich habe mich immer gefragt, worin eigentlich unsere Übereinstimmung liegt und warum beispielsweise Plutarch nicht mit uns aufgezählt wird. Der Realismus, der mir unterstellt wird, umfasst meist drei Punkte: Machtstreben, interessengeleitetes und rationales politisches Kalkül und Ablehnung jedes Idealismus. Diese Unterstellungen sind jedoch nicht richtig…

Phi: …Inwiefern?…

Machiavelli: …weil es nicht mein Ziel ist, schlechten Menschen zur Macht zu verhelfen. Ich möchte nur anführende Menschen von den Fehlern befreien, die durch ein idealistisches Weltbild zwangsläufig aufkommen. Besonders die Beurteilung der Charaktere der Bürger ist häufig falsch. Leider sind die Menschen undankbar, sie sind wankelmütig, unaufrichtig, heuchlerisch, furchtsam und habgierig. Wer nicht einsieht, dass der Großteil der Menschen schlecht ist und von diesen Emotionen geleitet wird, kann im politischen Geschäft nicht bestehen.

Phi: Die Konsequenz, die Sie im Fürsten (il Principe) daraus ziehen, ist aber, dass der Herrscher oder wie Sie sagen, der Fürst, seine Bürger behandeln kann, als wären es keine Menschen.

Machiavelli: Der Fürst muss in erster Linie regieren. Und um beständig regieren zu können, muss er sich Stabilität schaffen. Diese Stabilität seiner Position im Staat behält er jedoch nicht dadurch, dass er mild ist. Ich habe das Beispiel des Scipio gebracht. Scipio war seinen Soldaten gegenüber sehr mild. Die Konsequenz war, dass sie ihren Respekt vor ihm verloren haben und sie wissen, was dann passiert ist. Wie können klassische Schriften zur Erziehung von Fürsten und Politikern behaupten, Milde sei immer und in jedem Fall ein wichtiges Moment der Handlungen? Ich finde es absurd. Oder nehmen sie die Freigiebigkeit. Aristoteles zählt die Freigiebigkeit explizit unter die wichtigen ethischen Tugenden des Bürgers. Was er nicht sagt, ist, dass freigiebige Anführer ihre Untertanen daran gewöhnen, viel zu bekommen. Wenn dann die Staatskassen leer sind, wird es ihnen zum Verhängnis.

Phi: Das heißt, klassische Tugenden lehnen Sie aufgrund ihres Idealismus und ihrer Realitätsferne ab.

Machiavelli: Genau. – Trotzdem ist es nicht schlecht, wenn ein Politiker glaubhaft vorgibt, sie zu besitzen. Denn die Untertanen wollen jemanden, der gerecht, mutig, mild, fromm etc. ist.

Phi: Und der Vorwurf der Kaltblütigkeit?

Machiavelli: Wenn man regiert, wird man es nicht zustande bringen, jeden einzelnen der Bürger zufrieden zu stellen. Das bedeutet aber auf keinen Fall, dass man besonders kaltblütig sein muss. Kaltblütigkeit ist nur strategisch einzusetzen, damit mangelnder Respekt, der in der Lage ist, den sozialen Frieden im Staat zu gefährden, nicht aufkommt. Man muss die Schelte, die damit einhergeht einfach auf sich nehmen, da führt kein Weg dran vorbei. Schließlich vergessen Sie bitte nicht: Ich beschreibe keinen Tyrannen, sondern einen Fürsten.

Phi: Sie selbst wurden in der eigenen Stadt Florenz als Dissident gefangen genommen. Erst darauf haben Sie das Werk „Der Fürst“ geschrieben. Handelt es sich nicht vielleicht um den Versuch, die Familie De’ Medici durch geschickte falsche Anweisungen zum Sturz zu bringen?

Machiavelli: Nein. Ich habe diese Meinung in der Literatur auch gelesen (Anm. D. Red. Dietz, Mary G. (1986): Trapping the Prince: Machiavelli and the Politics of Deception. In: The American Political Science Review 80 (3), S. 777–799).

Phi: Was muss ein guter Politiker oder Fürst also Ihrer Meinung nach besitzen, um erfolgreich zu sein?

Machiavelli: Drei Dinge. Erstens eine außerordentlich gute Gabe, den Stand der Dinge sowie Situationen einzuschätzen. Denn das Schicksal ist nicht geradlinig, sondern kann sich schlagartig ändern. Dies muss man erahnen, indem man ihm wie dem Wind, seiner Stärke und Richtung lauscht, indem man seine Fühler ausstreckt. Zweitens Wandlungsfähigkeit. Für jede Situation ist eine passende Handlung notwendig. Beides zusammen, also den guten Riecher und die Wandlungsfähigkeit der eigenen Person, nenne ich Klugheit. Und drittens darf man sich nicht durch falsche Wünsche treiben lassen. Wichtig ist es, nicht idealen Zuständen begegnen zu wollen, wie sie in fast allen Büchern zu lesen sind, sondern die realen Aspekte zu erkennen.

Phi: Und was sollte ein solcher Mensch letztlich wollen?

Machiavelli: Das Wichtigste in unserem „Geschäft“ ist Ehre während wir leben und Ruhm für die Zeit nach uns, wie sie es auch bei Livius und den alten Römern beispielsweise finden. Aber lesen Sie doch mehr Aspekte meiner Ansichten in Höffe’s Buch über mich nach, das den Punkt gut trifft (Anm. d. Red. Höffe, Otfried (Hg.) (2012): Niccolò Machiavelli, Der Fürst. Berlin: Akademie Verlag (Klassiker auslegen, Bd. 50)).

Phi: Herr Machiavelli, herzlichen Dank für dieses Interview.

Generalismus vs. Partikularismus

„Guten Tag, Herr Philosoph. Schön, dass Sie Zeit gefunden haben. Die Welt und der Präsident brauchen ihre Hilfe. In dieser schwierigen Zeit können wir nur mit einem Generalisten weiterkommen.“ – „Oh entschuldigen Sie, da muss ein Missverständnis vorliegen: Ich bin moralischer Generalist.“ So ähnlich könnte das Bewerbungsgespräch eines Philosophieabsolventen ablaufen. Kaum hat man fünf oder optional mehr Jahre studiert, schon wird man mit allerlei Vorurteilen konfrontiert. „Was können Sie eigentlich?“, „Was heißt, ‘was mit Texten und so’?“, „Können Sie als Generalist alles oder nichts?“.

Schwierige Fragen.

Generalisten sind eigentlich Menschen, die nichts können, sich aber hinter Zitaten und Weingläsern verstecken. Spezialisten hingegen sind die Leute der Zeit. Sie können eine einzige Sache unglaublich gut. Alles andere drum herum ist „nicht in ihrem Kompetenzbereich“. Das Problem unseres obigen Philosophen ist aber ein anderes. Er vertritt einen moralischen Generalismus, der nicht mit der allgemeinen Bedeutung von Generalismus verwechselt werden darf, wie es der Präsident tat. Moralische Generalisten glauben, es gebe moralische Prinzipien, die immer Geltung haben, wie z.B. das Lügenverbot. Ihre Erzfeinde sind die moralischen Partikularisten. Sie sind kleinlich. Diese glauben, dass Handlungssituationen nie unter ein Prinzip subsumiert werden können. Sie sagen, dass man anders zu entscheiden habe, ob eine Lüge angebracht sei oder nicht, beispielsweise situationsabhängig. Diese partikularistische Ansicht ist aber keine, die eine Ausnahme von einem generalistischen Prinzip formuliert. Sehen Sie, denn dann müsste man das Prinzip ja annehmen und ein weiteres hinzufügen, das die Ausnahme rechtfertigte. Damit wäre man immer noch Generalist. Partikularisten sagen beispielsweise, dass die Klugheit uns zeigt, was am besten in einer spezifischen Situation zu tun sei. Es sei klug, nicht einen Philosophen zu rufen, wenn die Welt in Gefahr wäre. Ander als Generalisten haben Universalisten keine Probleme mit Partikularisten. Denn sie kämpfen einen anderen Kampf. Ihr Anliegen ist es dafür zu argumentieren, dass allgemeine Begriffe wie „der Mensch“ Existenz haben. Also nicht nur Sophie und Max haben Existenz, sondern außerdem auch der Gattungsbegriff Mensch. Das kann man so verstehen, wie eine platonische Idee. Die eigentlichen Gegner der Universalisten sind also nciht die Partikularisten, sondern es sind die Nominalisten.

Und wie steht es mit Ihnen, sind Sie eher Generalist oder Partikularist? Was finden Sie überzeugender? Wenn Sie sich noch einmal einen Überblick verschaffen wollen, bevor Sie antworten: Hoffmann, Magdalena (2010): Der Standard des Guten bei Aristoteles: Regularität im Unbestimmten: Aristoteles’ Nikomachische Ethik als Gegenstand der Partikularismus-Generalismus-Debatte.